Der wichtigste Rat vorab: Es gibt viel darüber zu lesen und ich kann nur jedem raten, sich gründlich damit vertraut zu machen. Man kann in viele Fallen treten, wenn man nicht aufpasst.
Tatsächlich fand sich nach ein paar Nieten ein geeignetes Objekt. Wir schauten es heimlich von außen an und es gefiel uns gleich sehr gut. Der betreibende Gläubiger schickte uns eine Kopie des Gutachtens und nun wurde es ernst. Der Schuldner lehnte eine Besichtigung ab, also mußten wir uns sehr auf das Gutachten verlassen, und auf eine zweite heimliche Besichtigung von außen. Kleiner Tipp: Eine Digitalkamera mit optischem Zoom und 5 Megapixel hilft sehr. Der Zoom in der Bildverarbeitung liefert beste Nahaufnahmen, auch wenn man nicht nah herankommt. Das Gutachten erschien aussagekräftig und es lohnt sich, es nicht erst beim Versteigerungstermin zu studieren. Der Februar ging vorbei und wir waren entschlossen: Wir wollen es! So gingen wir im März als Zuschauer zu einer Versteigerung. Alles lief sehr ruhig ab, es waren kaum Leute da und das Objekt ging nach Ablauf der Mindestbietzeit von 30 Minuten zu 61% des Verkehrswertes weg. Wahnsinn. Die Statistik sagt angeblich, dass man heutzutage eher mit 80% rechnen muss. Darauf sind wir erstmal gut Pizza essen gegangen.
Die Bietsicherheit als Bargeld mitzunehmen, wie wir es im Gericht sahen, gefiel uns nicht. Ein bestätigter LZB-Scheck sollte her. Meine Hausbank sah kein Problem damit und besorgte ihn für fürstliche 22 EUR Gebühren. Als ich ihn zwei Tage vor dem Termin in Händen hielt, fiel mir auf, dass seine Vorlegefrist zwei Tage nach dem Termin endete. Huch? Sagte der Bankmitarbeiter nicht, er sei 15 Tage gültig? Also abends noch Google befragt und siehe da: Ein bestätigter LZB-Scheck ist für 8 Tage ab Ausstellung bestätigt und für 15 Tage ab Ausstellung gültig. Für die Verwendung als Bietsicherheit muss er aber noch vier Tage nach dem Termin bestätigt sein. Das ist terminlich also sehr schwierig zu schaffen, darum nehmen andere Leute wohl lieber Bargeld, und unsere Bank hatte keine Ahnung (Bargeld ist inzwischen anscheinend nicht mehr zulässig). So gab es am Tag vor dem Termin noch viel Stress: "Schatz, ich brauche dringend 20.000 EUR für die Versteigerung, gehst Du mal schnell über die Straße zur Bank und haust den Sachbearbeiter?" Lola rannte und der betreibende Gläubiger einigte sich mit der Bank, dass sie schriftlich versicherte, den Scheck auch nach der Vorlegefrist noch in Bargeld umzuwandeln. Wieder pennte jemand, denn diese Garantie galt nun bis 10 Tage nach Gültigkeitsende, aber was soll's, wir hatten die Bietsicherheit, und nicht vor, die Bank zu betrügen. Wenn man ein Haus kauft, übernimmt man die Gebäudeversicherung gleich mit. Und wenn man eins ersteigert? Der betreibende Gläubiger kann Auskunft geben: Es ist bei ihm versichert, und zwar genau bis zur Minute des Zuschlags. Will man sicher gehen, so muss man vorher eine Versicherung abschliessen, obwohl man noch nicht wissen kann, ob man die Versteigerung gewinnt. Und da man selbst noch nicht im Haus wohnt, schliesst man auch gleich noch eine extra Haftpflichtversicherung ab. Darauf weist auch niemand hin, es sei denn, man hat so einen fähigen Versicherungsmakler wie wir.
So kam der große Tag: Zwangsversteigerung am 31.3.2004. Wir waren viel zu früh da und staunten nicht schlecht, als der Saal sich füllte, bis die letzten Leute stehen mussten. So ein Mist! Die Versteigerung lief erst etwas schleppend an, aber dann kam Fahrt in die Sache. Anders als beim letzten Mal waren auch etliche Makler dabei. Wurde erst noch mit der Bank verhandelt, dass sie wenigstens 70% sehen wollten, so war die Grenze bald überschritten. Und wie bietet man nun erfolgreich? Mal kleine, mal große Schritte, solange man weiss, dass der Preis noch nicht erreicht sein kann. Mal zurückhaltend, dann wieder sofort nachziehend, und mal kann man auch eine Weile die Konkurrenz alleine bieten lassen. Die leider zahlreich anwesenden Immobilienhändler wußten das auch. Ab dem Erreichen einer realistischen Grenze dann nur noch kleine Schritte, und so lief die Auktion eine Viertelstunde in 500er Schritten. Jeder hat seine feste Grenze und diese hoch zu überbieten ist Geldverschwendung. So kann man es vielerorts nachlesen. Kurz nachdem die Immobilienhändler ausstiegen, machte uns noch eine Familie das Leben schwer, doch auch die war auf einmal still, als ich mich schon fragte, wo das noch hin führen soll. Nach 52 Minuten wurde das Gebot noch dreimal verkündet, dann nocheinmal nachgefragt. Niemand bot mehr. Was denn, sollte es sein? So wurde ich mit 84% des Verkehrswertes Hauseigentümer.
Danach passierte erstaunlich wenig: Ich bekam eine Quittung für die Bietsicherheit, die beim Gericht verblieb, die Konkurrenz schüttelte die Hand für einen fairen Gewinn und das war es. Es gab die Information, dass man dann den Zuschlagsbescheid bekäme und dass das Finanzamt die Grunderwerbssteuer fordern würde. Bis zur Bezahlung, die bis zum Verteilungstermin in 6-8 Wochen geschehen müsste, würden auf den ausstehenden Betrag 4% Zinsen fällig. Die ganze Sache war doch sehr stressig, also danach erstmal in ein Cafe auf einen grossen Eisbecher. Alles klang ganz einfach, so kündigte ich am gleichen Tag noch meine Wohnung.
Nichts ist einfach, nie. Beim dritten Anlauf konnten wir das Haus wenigstens zum ersten Mal von innen besichtigen. Vieles war wie vom Gutachten her erwartet: Alle sanitären Einrichtungen mussten komplett erneuert werden, inkl. Beseitigung von Schimmel. Es gab aber auch Überraschungen: Die Heizungsrohre waren alptraumhaft über Putz verlegt. Die Gastherme war laut Schornsteinfeger unzulässig aufgehängt, was bis zum 1.6. korrigiert werden musste. Die Abwasserrohre mussten ersetzt werden. Die Heizung des Schwimmbads war kaputt. Die Türen konnte man auch unmöglich so lassen. Die ehemaligen Besitzer verstanden ihr eigenes Haus nicht, es gab keine Baupläne und sie wussten nicht, welche Leitungen wohin führen. Beschriftet war sowieso nichts. Nur von der Heizung glaubten sie noch Unterlagen zu haben, die nur im Moment nicht auffindbar waren. Dennoch, wir hatten ein Haus:
Zwei Wochen später war vom Zuschlagsbescheid nichts zu sehen. Eine Anfrage an das Gericht wurde nicht beantwortet und das Finanzamt rührte sich auch nicht. Ohne die gezahlte Steuer gab es keine Grundbuchänderung und ohne Zuschlagsbescheid keine Finanzierung. Das kostete unnötig Zinsen und ist eine kreative Art, wie der Staat seinen Bürgern das Geld aus der Tasche ziehen kann - dachte ich, aber die Wahrheit würde noch erstaunlicher sein. Die Vorbesitzer zogen nicht aus, weil sie keine Wohnung fanden. Das neue Lebensgefühl als Hauseigentümer war vor allem stressig und am Wohngefühl änderte sich nichts. Nerven hin oder her, wir begannen mit der Planung des Umbaus: Drei Wände sollten weg, drei Türen zugemauert und eine neue Tür geschaffen werden. Eine komplette Cat5e Verkabelung für Telefon und Ethernet (bis 1 Gigabit/s) sollte her. Neues Bad, neues WC, wie teilt man das am Besten auf und richtet es ein? Wo kommen die Server hin?
Der Schornsteinfeger war immerhin so nett, eine Zweitausfertigung des Mängelscheins zusammen mit dem letzten Abgasbescheid zu schicken, damit ein Handwerker mit der Behebung der Mängel beauftragt werden konnte. Es war klar, dass wir viele Dinge brauchen würden: Eine ISDN-Telefonanlage mit 8 Ports und CLIP und nicht für ein paar Hundert EUR, wo kriegt man sowas her? Patchfelder, ein Patchschrank, Netzwerkdosen. Werkzeug, jede Menge: Ebay! Waschbecken oder Waschtisch, was kostet sowas und was für eins wollen wir eigentlich? Wie verlegt man Wasser? Wir würden es noch herausfinden.
Zweieinhalb Wochen nach der Ersteigerung: Der Zuschlagsbescheid kam! Und jetzt sollte alles ganz schnell gehen, denn die Zahlung hatte bis in genau einem Monat zu erfolgen. Au wei, ob das bei der Bank wohl nun so schnell gehen konnte? Die Sache mit den Zinsen verstand ich übrigens falsch: Die sind für die Zeit zwischen Versteigerung und Verteilungstermin zu zahlen, unabhängig davon, wann bezahlt wird. Erstaunlich, dass unser Rechtssystem seine Bürger dazu zwingen kann, Zinsen für eine Rechnung über den Zeitpunkt der Bezahlung hinaus zu zahlen. Wie wir noch lernen würden, verlässt es sich dabei berechtigterweise auf schlampige Banken, die es eh nicht früher auf die Reihe bekommen. Die ehemaligen Besitzer des Hauses gaben mir ein Formular "Mietbescheinigung" vom Sozialamt zum Ausfüllen, aber hätte ich das getan, dann hätte es vermutlich plötzlich ein Mietverhältnis gegeben. Vielleicht gab es kein passenderes Formular, vielleicht wollte uns jemand reinlegen. Ich schrieb einen netten Brief zur Aufklärung.
Dreieinhalb Wochen nach der Ersteigerung: Die Finanzierung war schon vorher geplant, aber erst jetzt unterschriftsreif. Wie lange dauert es wohl, bis Geld fließt? Unterdessen kauften wir noch schnell einen Bohrhammer und Zubehör auf Ebay. Da gibt es einfach alles.
Vier Wochen nach der Ersteigerung: Notartermin! Wie trägt man eine Grundschuld für etwas ein, was einem laut Grundbuch noch nicht gehört? Notare wissen sowas: Es wird die Anweisung eingetragen, nach der Umschreibung die Grundschuld einzutragen. Einer Bank genügt das, weil sie vom Gericht bestätigt hat, wer der neue Eigentümer ist, auf den in absehbarer Zeit das Haus umgeschrieben wird. Unterdessen fanden die Vorbesitzer prinzipiell eine Wohnung, wollten umziehen, das Sozialamt zahlte auch die Miete, aber nicht die Kaution, und ohne bekamen sie keinen Mietvertrag ausgehändigt. Also zahlten wir sie, was billiger als eine Zwangsräumung war, dazu gab es noch eine kleine Beihilfe für den Umzug binnen sieben Tagen. Nicht, dass wir damit rechneten, das Haus in sieben Tagen übergeben zu bekommen, aber hätten wir zehn gegeben, so wären es wohl vierzehn geworden. Ich machte mir Sorgen, ob das auch klappt oder ob man doch noch räumen lassen muss und ob ich nun einfach nur Geld versenkte. Hägar, der Schreckliche, sagt: Bestechung ist die bei weitem sicherste Methode, eine Burg einzunehmen. Das Treffen war jedenfalls deprimierend, weil die Leute inzwischen ihr Schicksal erkannten. Kunststück, nach der Zeit. Das nahm doch mehr mit, als wir erst dachten.
Einen Tag später lag die Abschrift der Urkunde vom Notar zusammen mit der Rechnung in der Post. Gut 250 EUR, ich rechnete zuvor mit mehr. Fast jeden Tag kamen Pakete von Ebay-Auktionen: Cat5e Dosen, 1,2km Cat5e Kabel, Sat-TV Dosen, Sat-TV Kabel, letzteres mit 100 db Abschirmung, damit die DECT Basisstationen auch keinen Stress machen. Google weiss sowas, Google weiss alles. Am Wochenende diskutierten wir bis in die Nacht, wie die Küche werden soll. FurnishPro 1.5 (Einrichtungssoftware von Ikea) hat übrigens mehr Fehler als Features, so stiegen wir gegen Abend von Software auf Papier und Stifte um. Jeder hatte seine Vorstellungen, aber irgendwann fanden sie zusammen. Heraus kam etwas, das zu bauen bestimmt alleine eine Woche braucht. Tolle Küche, aber oh je, die Arbeit!
Weitere zwei Tage später war klar: Die Vorbesitzer waren mitten im Umzug. Sie verwendeten das Geld wirklich brav für die Kaution und räumten nun das Haus. Wenig überraschend stellten sie fest, dass sie vermutlich zwei Tage länger als geplant brauchen. Und wie lange brauchten sie nun wirklich? Niemand wusste es. Unterdessen lernte ich, dass Amazon neben Büchern auch alles Mögliche sonst verkauft, z.B. Deltaschleifer und Stichsägen, und das zu Preisen, die deutlich unter dem lagen, was der Baumarkt anbot. So wuchs die Werkzeugsammlung. Alles Schrott, was war ich doch naiv, brauchbares Werkzeug gibt's leider nur für teuer Geld im Fachhandel.
Fünfeinhalb Wochen nach der Versteigerung: Das Finanzamt schickte den Grundsteuerbescheid. Für uns viel wichtiger war die Übergabe eines Hausschlüssels. Hägar hatte also recht. Wie bei ebay, einmal nach der Ersteigerung freuen, dann warten, bis die Ware kommt, und dann nochmal freuen, wenn man es wirklich hat. :-) Unser Haus! Leider verwüsteten die Vorbesitzer den Vorgarten und entfernten viele Pflanzen. Nicht nett, aber wir hatten selbst noch eine Menge Pflanzen.
Am Wochenende arbeiteten wir dann das erste Mal im Haus. Es standen noch diverse Sachen der Vorbesitzer drin, die auch noch einen Schlüssel hatten, den sie den Dienstag drauf abgeben wollten, nachdem alles in ihrer neuen Wohnung sein würde. Erst jetzt sah man, wie die Leute hausten: Dreck überall, Modergeruch, Schimmel und alles war klamm. Anscheinend nahmen sie alles mit, was irgendwie ging, sogar die Toilettenbrillen. Die böse Überraschung: Sie stahlen die fest montierte Gegenstromanlage vom Schwimmbecken, deren Neupreis im vierstelligen Eurobereich liegt. Mist, aber bei jemand, der Privatinsolvenz anmeldete, vielleicht nicht mehr zu ändern. Vielleicht. Für uns hieß das nun: Schlösser wechseln, und zwar möglichst schnell. Erst mal nach Feierabend ausmessen, was wir für welche brauchen.
Einen Tag später: Die Sachen der Vorbesitzer waren abgesehen von diversen Telefonen weg, aber es wurde kein Schlüssel abgegeben. Dafür montierten sie uns noch die Katzenklappe von der Haustür ab. Für die Tür zur Garage hatten wir keinen Schlüssel, also bohrten wir den Schließzylinder auf und setzten einen Neuen ein. Das war übrigens nicht ganz einfach, aber so soll es wohl auch sein. Bei der Haustür war es damit nicht getan: Schon beim letzten Mal bemerkten wir die unbekannte Bauform. Google wusste auch das: Es war ein Rundzylinder und der wird nicht geschraubt, sondern man dreht innen den Schlüssel, bis man unter dem Schlüssel ein kleines Loch entdeckt. Das sieht etwa wie das Loch bei CD-Laufwerken aus und man entriegelt den Zylinder auch genau so: Mit einer aufgebogenen Büroklammer. Danach kann man alles wechseln. Wer hätte gedacht, dass sowas 100 EUR kostet? Aber Schlösser kaufte ich lieber nicht über Ebay.
Mitte der Woche kam dann der erste Handwerker, um die schlecht aufgehängte Gastherme fachgerecht zu installieren. Beim Anblick derselben bekam er eine Krise, sowas hatte er noch nicht gesehen. Die restliche Installation war teils ok, teils stümperhaft oder total falsch, wie wir nach der Besichtigung auch schon dachten. Die Heizung wurde laut Meinung des Handwerkers anscheinend nicht von einer Firma installiert. Leider war im Gutachten davon kein Wort erwähnt.
Die Frist zur Überweisung an das Gericht war nahe, leider schlief die Bank schon wieder und wartete auf Dinge vom Notar, die der längst erledigte. Darauf angesprochen, merkte die Bank plötzlich auch, dass alles klar war, und versprach, die Zahlung anzuweisen. Am Tag drauf war das Geld von zwei Krediten auf meinem Konto. Einer fehlte noch, von der Überweisung an das Gericht auch keine Spur. Wieder telefonieren und siehe da: Die Überweisung an das Gericht sollte spätestens am nächsten Tag auftauchen, der dritte Kredit dauerte noch etwas, weil eine Unterschrift fehlte. Aha, also Konto ein paar Zehntausend im Minus - ob der Geldautomat das liebt? Dem Mitarbeiter war die Frage peinlich, aber in der Tat, das hatte er vergessen. So trug er eine Überziehung ein. Nachts war dann im Onlinebanking endlich die Buchung an das Gericht sichtbar. Der Kontostand: -29.835,33 EUR. Aber das Finanzielle war soweit geregelt, der Kauf abgeschlossen.