Das Erlebnis Roadster

Zwei Wochen nach dem Kauf hatte ich mich an das Auto halbwegs gewöhnt und wir bekamen einen sonnigen und warmen Herbst, so dass ich noch richtig viel vom offenen Fahren hatte und das Auto genießen konnte. So machte mir der Weg zur Arbeit richtig Spaß. smart hat weitgehend recht:

Geschwindigkeit wird am Puls gemessen. Kein Scherz! Im Roadster ist auch Tempo 100 ein Erlebnis, offen sowieso. Die Perspektive, ein direkter Kontakt zur Straße, wobei das Serienfahrwerk noch Raum für Verbesserung bietet, das ist aufregend.

Fahrspass hat nichts mit PS zu tun. 60 kW, 82 PS, das klingt nach gar nichts, und wüßte ich nicht, dass es stimmt, würde ich mehr vermuten. Drei Zylinder, ein winziger Hubraum von 698 ccm und dafür ein Turbolader: Kein Sprinter, aber der Motor klingt trotzdem satt und das Fahren macht Laune.

Halbes Gewicht verdoppelt die Performance. Das Leistungsgewicht ist schon niedrig, aber das ist nicht alles: Weniger Masse bedeutet weniger Massenträgheit. Beschleunigen, bremsen, exakte Spurtreue in Kurven, man kann davon gar nicht genug kriegen. Eine sportliche Limousine wird dagegen zum Bus.

Je tiefer der Schwerpunkt, umso schöner die Kurven. Was kann an einer Kurve schön sein? Das kann nur fragen, wer noch nie einen Roadster fuhr. Wie ich merkte, bieten die Sitze der 60 kW Version sehr viel Seitenhalt, so viel, dass man Kurven gerne etwas schneller nimmt und die wechselnde Fliehkraft genießt, weil sich der Wagen nicht neigt, sondern gerade auf der Straße bleibt. Mit etwas Übung machen Spitzkehren, besonders mit Gefälle oder Steigung, endlosen Spaß.

Schönheit ist eine Frage der Proportionen. Ich sage nur: Corvette. Das Design war der ganze Grund, dass mich das Auto so anzog. Neben dem Ka gefiel mir damals nur der Audi TT, aber das muss ich jetzt als Prä-Roadster-Zeit einstufen, auch der Street Ka reizt mich nicht mehr, den ich schon als möglichen Nachfolger vom Ka sah.

Der kürzeste Weg ist unmoralisch. Landstraßen sind zweifellos viel schöner, aber die Autobahn bringt mich zur Arbeit und ohne Arbeit kein Roadster. Doch der Stumpfsinn ist vorbei, bei blauem Himmel und Sonnenschein wird sogar die Autobahn zum Kurzurlaub.

Wer innovativ ist, kennt keine Kompromisse. Da muß ehrlich jemand geschlafen haben. Die Innenausstattung ist ärmlich, geradezu billig, maximal ein schlechter Kompromiss. Das hat nichts mit Persönlichkeit zu tun, das geht so einfach nicht. Zweitanbieter haben das erkannt und es gibt ein riesiges Angebot, den Makel zu beheben. Dass alles, was aus Metall ist, so schnell rostet, hat auch nichts mit kompromissloser Innovation zu tun. Der Kunde muss den Wagen zu Ende lackieren, wenn er nicht mit den häßlich rohen Kunststoffteilen vorn und hinten leben möchte. Das sah beim Prototyp noch anders aus. Und schließlich gehört die, aufgrund der Verwandschaft zum fortwo, für das Auto zu schmal geratene Spur, verbreitert. Daneben gibt es noch zig Kinderkrankheiten und das lausigste QM, was ich bei Autos je erlebte. Aber die Probleme lassen sich lösen und schnell vergessen, denn:

Wer fühlen will, muss fahren. Wer keine Angst hat, einen Traum zu leben, der sollte sich das Erlebnis unbedingt gönnen und im Sinne des Wortes erfahren, wie anders ein Auto sein kann. Entweder haßt man es und weiß, warum man das bahnfahrtähnliche Gefühl einer schweren Limousine bevorzugt, oder man möchte am liebsten nie wieder aussteigen. Als ich das erste Mal mit dem Roadster fuhr, dachte ich nur: Boah. Das ist ja noch besser, als es von außen aussieht. Man muß es einfach erleben. Dabei ist der Verbrauch sehr bescheiden: Mein niedrigster Verbrauch lag bei 4,8 l/100 km, mein höchster Verbrauch bei 6,8 l/100 km. Typisch sind 5,5 l/100 km.

Ich, ein Autonarr? Ich habe immer noch keine Einstellung zu Autos im Allgemeinen, aber dieses Eine hat es mir wirklich angetan. Seit dem Roadster ist nichts mehr, wie es war.


Michael Haardt